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		<h3>Die falſche Königin von England</h3>
		<img class="right" src="../Familienkunde/gotha/Beck Johann Friedrich der Mittlere.png" title="August Beck: Johann Friedrich der Mittlere" width="30%"/>
		<p>
			<span>Im Jahre 1558, </span>
			<a:ref>
				<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Tenneberg#Die_wei%C3%9Fe_Frau"/>
			</a:ref>
			<span>während der Regentſchaft Johann Friedrichs des Zweiten, des Mittleren, Herzogs zu Sachſen, </span>
			<span>wandte ſich eine vornehme Dame, die ſich zunächſt als Anna, Herzogin zu Aeybelen nachgelaſſene Witwe Heinrich's Herzogs zu Cypern in Irland ausgab, mit der Bitte um Hilfe an ihn. </span>
			<a:ref>
				<span>Van goeydeſt genaeyde anna Engelaren hyertynne tho aeybelen </span>
				<span>naeggelanachgelacten wyedefroeue hynrykueſz hyertog tho ſcyeperen yn Eyrlant etc. onder der kroene Eyngelant</span>
			</a:ref>
			<span>Sie ſei zusammen mit der früheren vierten Gemahlin Heinrichs des Achten von England, </span>
			<span>alſo der ehemaligen Königin, aus England geflohen, </span>
			<span>obſchon deren Tod überall verkündet worden war. </span>
			<span>Auch wenn ein Teil der Schätze auf der Flucht geraubt worden ſei, verfüge die Königen noch über erhebliche Reichtümer, die jene, als Muhme, nach ihrem Tode den Söhnen des Herzogs vermachen werde.</span>
			<a:ref> Darunter ſeien Krone und Kronapfel Englands, ein Halsband mit einem Karfunkelſtein und anderen Edelſteinen, 25 Tonnen Gold in Kronen, 7 Perlenröcke, 3 goldene Stücke, 14 goldene Ketten, welche 5000 Kronen wögen, 14 Leibgürtel und Ketten, 7000 Kronen ſchwer, 24 Paar Armbänder, welche 2000 Kronen wögen, 12 Perlenhauben, 14 Perlenbarette und ein Halsband mit Edelſteinen, welches auf 3000 Kronen geſchätzt werde.</a:ref>
			<a:ref>
				<span>Quelle ist eine Akte im Weimariſchen geheimen Staatsarchive: </span>
				<q>
					<span>Acta, die Erz-Betriegerin, welche bei Herzog Johann Friedrichen dem Mittleren zu Sachſen </span>
					<span>sich erſtlich vor Fr. Annen, geborene von Jülich, </span>
					<span>König Heinrichs in England Wittwe, </span>
					<span>nachmals vor eine Gräfin von Oſtfriesland, </span>
					<span>vermählte Gräfin von Manderſcheid, ferner vor eine geborene Gräfin von Rietberg, </span>
					<span>weiter vor eine unächte Tochter Herzog Johannſen von Cleve angegeben, </span>
					<span>betreffend, 1558 und 1559.</span>
				</q>
				<p>
					<span>Siehe auch </span>
					<cite>Auguſt Beck: Johann Friedrich der Mittlere, Herzog zu Sachſen, Verlag von Hermann Böhlau, Weimar, 1858, 5. Abſchnitt.</cite>
				</p>
			</a:ref>
			<span>Die Königin ſei nicht ſelbst zum Herzoge gekommen, um ihn beim Kaiſer nicht in Schwierigkeiten zu bringen. </span>
		</p>
		<p>
			<span>Die angebliche Herzogin von Cypern begab sich nach Roſsla und bat ferner um Rheinwein und Wildpret. </span>
			<span>Der leichtgläubige Herzog verſorgte die «freundlich liebe Muhme» damit, </span>
			<span>ſchenkte ihr wertvollen Stoff und wies an, </span>
			<span>ihr 184 Gülden 12 Groſchen für zwei polniſche Diener und </span>
			<span>154 Gülden und 6 Groſchen für ſie selbst auszuzahlen; auch darum hatte ſie ihn gebeten.</span>
		</p>
		<p>
			<span>Bald ſuchte der Herzog ſie persönlich in Roſsla auf. </span>
			<span>Nun gab ſie ſich als Königin Anna von Cleve ſelbſt aus. </span>
			<span>Er ſchöpfte keinen Argwohn, </span>
			<span>weil ſie sich mit den Verhältniſſen am Hofe zu Cleve beſtens auskannte und </span>
			<span>er auf ihrer Stirne die Narbe<a:ref>Aſchel</a:ref> einer Verletzung erkannte, </span>
			<span>wie ſie ſeine Mutter dem Kinde Anna unglücklicherweiſe mit einer Schneiderſchere zugefügt hatte. </span>
			<span>Auch ließ er ſich durch die verſprochenen Reichtümer blenden. </span>
			<span>Damit ſchien es ihm möglich, sogar den verlorenen Kurhut zurückzugewinnen. </span>
			<span>Er nahm ſie in Ehren auf und gab ihr im Jahre 1559 auf dem Schloſſe Grimmenſtein eine Wohnung. </span>
		</p>
		<p>
			<span>Doch anderen kamen Zweifel: </span>
			<span>Der Küchenmeiſter Fritz Dietterich aus Leipzig warnte in einem Briefe vom 3. Januar 1559 den Herzog erfolglos, </span>
			<span>er möge der Betrügerin keinen Glauben ſchenken. </span>
			<span>Sie habe schon die Herzöge von Preußen, von Liegnitz und den Kurfürſten Joachim von Brandenburg betrogen, </span>
			<span>letzteren ſolle ſie mehr als 800 Gülden gekoſtet haben. </span>
			<span>Dem Herzog von Mecklenburg habe ſie ein geliehenes ſilbernes Trinkgeschirr entwendet. </span>
			<span>Ein Bote, der nach Nürnberg geſandt worden war, </span>
			<span>um die Schätze zu holen, </span>
			<span>kam mit leeren Händen zurück. </span>
			<span>Johann Wilhelm, der Bruder des Herzogs, dem er mitgeteilt hatte, </span>
			<span>daſs die Königin Anna nicht geſtorben, </span>
			<span>ſondern am 22. Februar des Jahres 1558 aus ihrer engliſchen Gefangenſchaft entkommen ſei, </span>
			<span>antwortete aus Paris, wo er König Karl dem Neunten als General im Feldzuge gegen die Hugenotten diente, </span>
			<span>die vermeintliche Anna ſei eine Kammerjungfer bei der Königin Anna geweſen. </span>
			<span>Man ſandte auch zum Herzog Wilhelm von Cleve, Jülich und Berg: </span>
			<span>Er nannte die vermeintliche Anna eine Betrügerin. </span>
			<span>Der Kanzler Peter von Könitz, auch Burg- und Amtsvogt auf Tenneberg,  </span>
			<span>ſollte ſich um ſie kümmern, ihr aber auch auf den Zahn fühlen. </span>
			<span>Als ſie ſich immer weiter in Widerſprüche verwickelte, war er ſich ſicher, </span>
			<span>daſs der Teufel mit ihr im Bunde ſtehe und ſie eine Betrügerin sei, </span>
			<span>und berichtete es Friedrich. </span>
		</p>
		<img src="../Familienkunde/gotha/Waltershäuser Chronik Titel.png" class="right" width="30%"/>
		<img src="../Familienkunde/gotha/Waltershäuser Chronik S43.png" class="right" width="40%"/>
		<p>
			<span>Deshalb wurde eine Unterſuchungskommiſſion eingeſetzt, </span>
			<span>der der Juriſt Dr. Johannes Luther</span>
			<!--
			<a:ref>Mein Ururururururururururgroßonkel</a:ref>
			-->
			<span>, der älteſte Sohn des Reformators, und Dr. Stephan Kloedt angehörte. </span>
			<span>Als der aus Jena herbeigerufene Scharfrichter ſie von Folterknechten auf einer Leiter ſtrecken ließ, </span>
			<span>geſtand ſie, ſie sei eine uneheliche Tochter des Herzogs Johann von Kleve und </span>
			<span>einer Nonne des Kloſters Eſſen, und werde dabei bleiben, auch wenn man ſie in tausend Stücke reiße. </span>
			<span>Der Herzog von Jülich wies ziemlich ſicher nach, </span>
			<span>daſs ſie die Tochter einer Gräfin und Kammerfrau bei der Königin Anna war. </span>
			<span>Wenngleich man auch ihre letzte Ausſage bezweifelte, </span>
			<span>gab man ſich endlich zu Frieden und verurteilte ſie zu lebenslanger Haft, </span>
			<span>die ſie in einem eigens für ſie gebauten Gefängniſſe auf der Burg Tenneberg verbringen sollte. </span>
			<span>Sie erhielt kärgliche Koſt und nur am Sonntag einen Braten und ein Maß Wein. </span>
		</p>
		<p>
			<span>Ihr weiteres Schickſal, insbeſondere, </span>
			<span>ob ſie wirklich bis zum Tode in Gefangenſchaft gehalten wurde oder ſpäter freikam, iſt ungewiſs. </span>
			<span>Ganz ehrlos ſtarb ſie nicht; </span>
			<span>denn ſie wurde auf dem im Jahre 1542 eingerichteten Alten Gottesacker in Gotha begraben. </span>
			<span>Wann, iſt unklar, gewiſs aber vor 1567; </span>
			<span>denn als der Herzog ſich in jenem Jahre auf dem Tenneberge aufhielt, </span>
			<span>ſoll ſie ihm als Weiße Frau erſchienen ſein. </span>
			<span>Vielleicht hatte er ein ſchlechtes Gewiſſen — </span>
			<span>hielt er ſie doch für eine nahe Verwandte — oder er fürchtete ihren Fluch — </span>
			<span>war doch ihr größter Widerſacher, der Burgvogt Peter von Könitz, </span>
			<span>noch im Jahre 1559, als ſie eingesperrt wurde, geſtorben. </span>
			<span>Wenn es einen Fluch gab, ſo erfüllte er ſich: </span>
			<span>Er ſelbst geriet noch im Jahre 1567 bis zu ſeinem Tode in kaiſerliche Gefangenſchaft. </span>
		</p>
		<a:ref>
			<cite>Ludwig Bechſtein: Die falſche Königin von England auf Schloſs Tenneberg</cite>
		</a:ref>
		<p>
			<span/>
			<span>Irgendwann war ſie nicht mehr da. </span>
		</p>
		<p>
			<span>Für das Gerücht, daſs ſie eingemauert worden ſei, </span>
			<span>erbrachte eine vom Herzog Auguſt von Sachſen-Coburg und Altenburg </span>
			<span>beauftragte Unterſuchung Anfang des 19. Jahrhunderts </span>
			<span>nicht den leiſeſten Hinweis. </span>
		</p>
		<p>
			<span>Ein anderes Gerücht, daſs ſie die Geliebte des neuen Burgvogts geworden ſei, </span>
			<span>griff ſpäter der Dichter </span>
			<span class="author">Victor von Scheffel</span>
			<span> auf. </span>
			<!--
			<span>wovon noch die Rede ſein wird.</span>
			-->
		</p>
		<img src="../Familienkunde/gotha/Schloſs Tenneberg.jpg" width="50%"/>
		<h3>
			<span class="author">Victor von Scheffel</span>
			<span> auf dem Tenneberg</span>
		</h3>
		<p>
			<span>Nun ſchreiten wir in der Zeit ſchneller voran. </span>
			<span>Das Amt des Burgvogtes lag nun in einer Familie, </span>
			<span>die nicht mehr vom Titel, aber vom Namen </span>
			<em>Ritter</em>
			<span> war. </span>
		</p>
		<img class="right" src="gotha/Scaler8.jpg"/>
		<p>
			<span>Johann Heinrich Ritter </span>
			<a:ref>
				<a href="../Familienkunde/Johann Heinrich Ritter.xml"/>
			</a:ref>
			<span> war in der erſten Hälfte des 18ten Jahrhunderts ein bedeutender Freſkenmaler Thüringens. </span>
			<span>Er ſchuf auch das Deckengemälde des nach ihm benannten Ritterſaales im Schloſſe Tenneberg. </span>
		</p>
		<img src="../Familienkunde/gotha/Ritter.png" width="33%" class="right"/>
		<p>
			<span>Johann Andreas Ritter (1738 - 1819) war Burgvogt auf Tenneberg; während ſein Sohn ihm im Amt folgte, </span>
			<span>heiratete ſeine Tochter Auguste Sophie Henriette den Kirchenrat und Direktor des Gymnaſiums Illuſtre zu Gotha. </span>
			<span>Deren Töchter heirateten nacheinander — die erſte war bald geſtorben — </span>
			<span>einen Kollegen Dörings am Gymnaſium Illuſtre, den Gymnaſialprofeſſor </span>
			<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Ludwig_Andreas_Regel" class=" arbalo-wiki">
				<span class="arbalo-language" title="Deutſch">[de]</span>
				<span class="author">Friedrich Ludwig Andreas Regel</span>
			</a>
			<span>, der auch Garniſonsprediger und der Hauslehrer der </span>
			<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luise_von_Sachsen-Gotha-Altenburg_(1800%E2%80%931831)" class=" arbalo-wiki">
				<span class="arbalo-language" title="Deutſch">[de]</span>
				<span class="author">Prinzeſſin Luiſe von Sachſen-Gotha-Altenburg</span>
			</a>
			<span>, der Mutter </span>
			<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_von_Sachsen-Coburg_und_Gotha" class=" arbalo-wiki">
				<span class="arbalo-language" title="Deutſch">[de]</span>
				<span class="author">Alberts von Sachſen Coburg und Gotha</span>
			</a>
			<span>, des britiſchen Prinzgemahls, war.</span>
		</p>
		<img src="../Familienkunde/gotha/Friedrich Wilhelm Regel.png" width="50%"/>

		<img src="../Familienkunde/gotha/Anton-Werner-Der-Vogt-von-Tenneberg.jpg" width="66%"/>
		<p>
			<i>Anton Werner: Der Vogt von Tenneberg.</i>
		</p>
		<p>
			<span>Im Jahre 1859 beſuchte der Wanderdichter Joseph Victor von Scheffel </span>
			<a:ref>Wie Hermann Löns und der Dichter des Thüringer Waldes, August Trinius.</a:ref>
			<span>den Thüringer Wald und den Landrat Regel auf dem Tenneberge. </span>
			<span>Er hörte von der Geſchichte, die ſich genau 300 Jahre zuvor zugetragen hatte, </span>
			<span>und verknüpfte ſie mit den Familienverhältniſſen des Landrates. </span>
			<span>Deſſen ſechſtes Kind war noch unterwegs, mit Weib und Kind war er alſo „ſelbſiebent“. </span>
			<span>Es entſtanden mehrere Gedichte über den Vogt von Tenneberg:</span>
			<a:ref>Victor von Schefferl: Frau Aventiure — Lieder aus Heinrich von Ofterdingens Zeit.</a:ref>
		</p>
		<h4>Der Vogt von Tenneberg Ⅰ</h4>
		<div style="font-style:italic;">
			<p style="text-align:right;">… ûf einer linden suz … Parzival 248. 14.</p>
			<p>Ich bin der Vogt von Tenneberg,<br/>
Den Minne nie befangen,<br/>
Im Lindenwipfel ſtreck' ich mich<br/>
Und laſs die Beine hangen.</p>
			<p>Mit Heeresfolg' im Eiſenkleid<br/>
Und blankem Ernſt der Waffen,<br/>
Mit Burghut und mit Wildgejaid<br/>
Hab' ich vollauf zu ſchaffen.</p>
			<p>Und lieg' ich ſtill, so harret mein<br/>
Ein trauter Hausgeselle,<br/>
Der führt den Namen Bruder Wein,<br/>
Im Spitzglas blinkt er helle.</p>
			<p>Sanft pflegt mir der den müden Leib<br/>
Und freudigt Herz und Sinne,<br/>
Das minnigſte, ſinnigſte, ſüßeſte Weib<br/>
Bleibt doch eine Valandinne.</p>
			<p>Und käm' Britannias Königin<br/>
Mit allen Frau'n vom Hofe,<br/>
Ich rückt' vom Platz nicht, drauf ich bin,<br/>
Und ſpräch' zur schönſten Zofe:</p>
			<p>„Ich bin der Vogt von Tenneberg,<br/>
Den Minne nie umfangen,<br/>
Im Lindenwipfel ſtreck' ich mich<br/>
Und laſs die Beine hangen.“</p>
		</div>
		<h4>Der Vogt von Tenneberg Ⅱ</h4>
		<div style="font-style:italic;">
			<p>
				<span>Ich bin der Vogt von Tenneberg</span>
				<br/>
				<span>Und auch von Waldrathauſen </span>
				<a:ref>Sic! Gemeint iſt wohl Waltershauſen.</a:ref>
				<br/>
Und pfleg' im Lindenwipfelwerk<br/>
Als wilder Falk zu hauſen.</p>
			<p>Was ficht der Tuck der Welt mich an<br/>
Samt allen Teufelsliſten,<br/>
Kann ich, ein frühlingsſeliger Mann,<br/>
In reinen Höhen niſten!</p>
			<p>O honigſchweres Blütenhaus!<br/>
O wunderwürzige Räume!<br/>
Die Biene nur ſummt ein und aus,<br/>
Sie ſummt mich ſanft in Träume.</p>
			<p>Jüngſt aber kam vor meinen Thron<br/>
Ein fremder Knab' geflogen,<br/>
Kupido, Frauen Venus Sohn,<br/>
Mit Köcher, Pfeil und Bogen.</p>
			<p>Er rief: „Ich geh' dich kampflich an,<br/>
Hagstolzer Tennebergäre,<br/>
Dieweil du dich so hochgethan<br/>
Und weigerſt mir die Ehre!“</p>
			<p>Er schoſs mit Pfeilen, ſchwirrt' und pfiff,<br/>
Als müſſt' ihm Sieg gelingen,<br/>
Da tat ich einen feſten Griff<br/>
Und packt' ihn an den Schwingen.</p>
			<p>Zur Stund' zerging des Unholds Freud',<br/>
Ich hielt ihn am Gefieder,<br/>
Ich hab' ihn weidlich durchgebläut,<br/>
Er kommt mir nimmer wieder!</p>
		</div>
		<h4>Der Vogt von Tenneberg Ⅲ</h4>
		<div style="font-style:italic;">
			<p>Das war der Vogt von Tenneberg,<br/>
Den Minne nie umfangen,<br/>
Mit Weib und Kind ſelbſiebent kommt<br/>
Vergnügt er jetzt gegangen.</p>
			<p>Das jüngſte ſpielt ihm auf dem Arm<br/>
Mit Bart und Harniſchkette,<br/>
Er ſchafft ihm Brei und hält es warm<br/>
Und legt es auch zu Bette:</p>
			<p>„Wigen wagen, gugen gagen,<br/>
Ach mir tagen ſanfte Plagen,<br/>
Schreier, Schreier, kleiner Schreier, ſchweig,<br/>
ich will ja gern dich wagen!“</p>
			<p>Das war der Vogt von Tenneberg,<br/>
Den Minne nie umfangen,<br/>
Im Lindengrün zum Trocknen jetzt<br/>
Gewaſchne Windeln hangen.</p>
			<p>Und ſtille ward es, mäusleinſtill<br/>
Im Wipfel und am Stamme,<br/>
Er ſingt nur, wenn der Dienſt es will<br/>
Als Ablöſung der Amme:</p>
			<p>„Wigen wagen, gugen gagen,<br/>
Ach mir tagen ſanfte Plagen,<br/>
Schreier, Schreier, kleiner Schreier, ſchweig,<br/>
ich will ja gern dich wagen!“</p>
		</div>
		<h4>Ein Lied auf den Tenneberger</h4>
		<p>
			<span>Der Rheinwein muſs beim Beſuche Scheffels reichlich gefloſſen ſein: </span>
		</p>
		<div style="font-style:italic;">
			<p>„Sag an, mein Meiſter Traugenmund,<br/>
Wes Art ist dieſer Mann?<br/>
Spätnächten ſtieß ich im Tannengrund<br/>
Ihn ſchwer verregnet an.</p>
			<p>Er ritt, als ging' er flüchtig,<br/>
Sein Antlitz war verſtört,<br/>
Sein Aufzug wenig züchtig,<br/>
Schaumüberdeckt ſein Pferd.</p>
			<p>Nun ſeh' ich dieſen ſelben<br/>
Im Blumengärtlein ſitzen,<br/>
Und vor ihm viel goldgelben<br/>
Rheinwein im Becher blitzen.</p>
			<p>Es ſchmückt ein Kranz von Roſen<br/>
Sein Haupt, ein Lächeln den Mund,<br/>
Als wär' von Küſſen und Koſen<br/>
Ihm Vieles und Gutes kund.“ —</p>
			<p>„Der Mann ist wohl bei Sinne,<br/>
Das ſei euch angeſagt,<br/>
Ihn hat nur jüngſt Frau Minne<br/>
Durch Nacht und Nebel gejagt …</p>
			<p>Er fürchtet ihre Pfeile,<br/>
Und zielt ſie ihm aufs Herz,<br/>
So hat er nimmer Weile<br/>
Und flüchtet heimatwärts.</p>
			<p>Nun lacht er wie ein Ritter,<br/>
Der von der Heerfahrt kehrt,<br/>
Daſs ihn das Ungewitter<br/>
Nicht allzu rauh verſehrt.</p>
			<p>Er löſcht ſein heimlich‘ Feuer<br/>
Im Sorgenſcheucher Wein<br/>
Und klagt ſein Abenteuer<br/>
Seinem alten Mütterlein.“</p>
		</div>
		<p>
			<span>Was mein Ururgroßvater von den Gedichten hielt, iſt leider nicht überliefert. </span>
			<span>Sein altes Mütterlein war Friederike Regel, geb. Döring (7.9.1793 - 21.7.1867).</span>
		</p>
		<h3>Vertonungen</h3>
		<h4>Emil Sjögren</h4>
		<img src="../Familienkunde/gotha/Sjögren Vogt von Tenneberg.png" width="50%"/>
		<!-- Seu dux seu princeps seu tu dicaris elector / Maurice, es patriae proditor ipse tuae. -->
	</body>
</html>